Wie wir den Terminator aus der KI-Diskussion verabschieden
Wrap-up zum Workshop #KINarrative am 26. Juli 2019 bei Microsoft Berlin
Drei von vier Deutschen denken beim Begriff „künstliche Intelligenz“ (KI) an den Terminator, hat eine von der Deutschen Gesellschaft für Informatik in Auftrag gegebene Allensbach-Studie ergeben. Drei von vier! Das bedeutet ausbuchstabiert, dass unser gesellschaftliches Wissen über eine Technologie, die unser Leben und Arbeiten verändert, im Moment größtenteils aus Fiktion besteht.
In den populären Filmgeschichten ist die künstliche Intelligenz sehr darauf erpicht, die Menschheit auszulöschen und weiß ihre intellektuelle Überlegenheit dafür einzusetzen. Die künstliche Intelligenz im Film Terminator (1984) hat es sich zum Ziel gemacht, die Menschheit auszulöschen, und ist dabei in guter Gesellschaft von I, Robot, HAL 9000 und anderen wildgewordenen Maschinen.
Wenig überraschend fürchten sich viele Menschen vor Künstlicher Intelligenz und ihren Auswirkungen. 60 Prozent der Deutschen glauben etwa, dass durch die neue Technologie Arbeitsplätze wegfallen. Wie Christiane Brandes-Visbeck in ihrem Impuls hervorhob, geht es hier nicht um den eigenen Arbeitsplatz, sondern um Arbeitsplätze „der anderen“.
Nun ist der aktuelle Stand der KI weit davon entfernt, die Menschheit mit einem bösen Masterplan auszurotten. Wir bewegen uns eher auf dem Level von Assistenzsystemen, die begrenzte Aufgaben ausführen (z.B. Renaissance-Portraits auf Basis von Selfies malen), oder große Datenberge durchwühlen, die für unser Gehirn aufgrund ihrer schieren Masse nicht zu bewältigen sind.
KI hat ein Image-Problem
Wir müssen dennoch festhalten: KI hat momentan ein Image-Problem. Größtenteils wird sie gar nicht verstanden und in ihren Auswirkungen als negativ eingeschätzt. Doch wie sollen wir auf dieser Basis Zukunft positiv gestalten?
Graphic Recording von Christine Oymann
An dieser Frage entzündete sich im Anschluss an das Microsoft KI-Festival die Initiative von Christiane Brandes-Visbeck, Thomas Bischoff, Helén Orgis, Dajana Laube und Christine Dingler. Um die KI-Zukunft mit Optimismus zu gestalten und dabei auch Menschen außerhalb der digitalen Filterblase zu erreichen, sollen neue gesellschaftliche Narrative geschaffen werden.
Narrative sind nach Christiane Brandes-Visbeck (oben im Bild) kraftvolle sinnstiftende Geschichten, die uns emotional mitnehmen. Ein Beispiel dafür ist der amerikanische Traum mit der „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichte, die Generationen von AmerikanerInnen und ImmigrantInnen inspiriert hat.
Die Emotion der aktuellen KI-Narrative ist oft von Furcht geprägt. Es ist sinnvoll, Risiken und ethische Fragestellungen zu diskutieren, keine Frage. Hier sah der eingeladene Fraunhofer-Experte Thomas Bendig übrigens explizit Chancen für KI-Produkte made in Germany, die ethische Aspekte bereits stärker mitdenken könnten als andere.
Positive Zukunftsbilder gestalten
Um die Entwicklung aber selbstbewusst gestalten zu können, müssen wir der Angst positive Geschichten und hoffnungsvolle Zukunftsbilder entgegenhalten. Das ist das erklärte Ziel der Zukunftsinitiative, die sich unter dem Hashtag #KINarrative auf dem Microsoft KI-Festival zusammengefunden hat.
Um solche Narrative zu erschaffen, lud das Team #KINarrative mit Unterstützung von Pina Meisel, Meike Ostwald und Magdalena Rogl ins Berliner Büro von Microsoft ein. Nachdem das Panel mit Stefan Doerner, Thomas Bendig, Pina Meisel, Christiane Brandes-Visbeck und Magdalena Rogl in das Thema einführte, stieg Christiane Brandes-Visbeck mit uns tiefer ins Thema Narrative ein und legte die Aufgabenstellung für die folgenden Sessions aus. Im Anschluss bildeten wir vier Teams um unterschiedliche Themenpitches, um gemeinsam jeweils ein positives KI-Narrativ zu entwicklen.
Ich bin gerne Mensch
Als Mitglied von Team Pink entschied ich mich für die Session „Ich bin gerne Mensch“ mit Elvira Steppacher, Matthias Wrede, Dajana Laube, Katja Diehl und Kathrin Bischoff. Mit dem Begriff der künstlichen Intelligenz waren wir aus zwei Gründen nicht ganz glücklich:
- Das Adjektiv „künstlich“ verschleiert, dass auch Algorithmen und neuronale Netze letztlich von und für Menschen entworfen werden. Wir haben es mit einer menschengemachten Technologie zu tun.
- Der Begriff der Intelligenz ist vermutlich eine unscharfe Übersetzung der englischen intelligence, die aber mehr für Aufklärungsarbeit steht. Intelligenz im Deutschen überhöht einerseits die Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz und unterstellt zum Beispiel Urteilsvermögen, andererseits erzeugt sie keinen Buy-in auf gesellschaftlicher Ebene. Intelligenzbestie und Intelligenzbolzen werden eher abfällig genutzt und der Begriff taugt nicht zu einer breiten Selbstidentifikation.
Wir haben darüber diskutiert, der KI andere Begriffe an die Seite zu stellen. Ich würde zum Beispiel gerne auch von automatisierter Unterstützung sprechen. Aufgrund der allgemeinen Verbreitung des KI-Begriffs und der Kürze der Zeit haben wir uns dennoch entschieden, für unser Narrativ weiter von künstlicher Intelligenz zu sprechen.
Wichtig war uns vor allem, den Mensch als handelndes Subjekt ins Zentrum zu stellen. Die KI soll dem Menschen nützen und ihn nicht abwerten oder ablösen. Menschliche Fähigkeiten wie Kreativität, Empathie und die menschliche Intelligenz sind auch bei der Nutzung von künstlicher Intelligenz nicht ersetzbar – davon sind wir überzeugt. Diese positive Grundhaltung frei nach dem Motto „Ich bin gerne Mensch“ sollte unser Narrativ transportieren.
Außerdem war uns wichtig, die Entwicklung der künstlichen Intelligenz in die Menschheitsgeschichte einzubetten. Faustkeil, Schrift und Buchdruck sind menschliche Erfindungen, die es uns als Kulturtechniken ermöglichen, uns die Welt zu erschließen. Künstliche Intelligenz sehen wir auf einer Stufe mit diesen Kulturtechniken. Sie alle geben uns Möglichkeiten der Welterschließung, die wir vorher nicht hatten.
Gänsehaut-Momente im Workshop
Diese Stelle im Workshop war ein echter Gänsehaut-Moment. Uns ist noch einmal richtig klar geworden, dass wir gerade die Anfänge einer historischen Umwälzung miterleben, aus der sich Chancen und Möglichkeiten für uns ergeben, die wir heute noch gar nicht in Gänze überblicken können. Diese positive Spannung und das „Gemachtsein“ von und für Menschen soll unser Narrativ ausdrücken. So bleiben am Ende der rund zweistündigen, wahnsinnig inspirierenden Diskussion in unserer Gruppe und im Plenum zwei Sätze als unser Narrativ stehen:
Ich bin gerne Mensch, weil ich einzigartige Fähigkeiten habe, mir und anderen die Welt zu erschließen. Dabei unterstützt mich KI als neue Kulturtechnik, so wie Faustkeil, Schrift und Buchdruck. #KulturtechnikKI #Zukunftsnarrative #KINarrative
Ich habe die beiden Sätze vorhin einem älteren Menschen (65) vorgelesen. Zu meiner großen Freude hat er sie erstens sofort verstanden und zweitens direkt eine positive Perspektive daraus entwickeln können. Ich bin sehr gespannt auf weitere Reaktionen zu unseren Ergebnissen, denn wir möchten ja vor allem die Nicht-KI-ExpertenInnen erreichen.
Die Ergebnisse im Überblick
Alle vier Narrative in der Übersicht, gezeichnet von Christine Oymann
Liebes Team #KINarrative, ich bin euch sehr dankbar für diese wundervolle Initiative, die vielen inspirierenden Menschen, die ich kennen lernen durfte, und was wir getreu dem Motto „Think big, start small, act now“ gestern schon erreicht haben. Ich bin mir sicher, das ist erst der Anfang. Wenn wir so weitermachen, werden wir den Terminator mit einem herzlichen ‚hasta la vista‘ aus dem KI-Diskus verabschieden.
Hier gibt es noch mehr spannende Berichte zum #KINarrative Workshop:
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4y"Aktuell denken drei von vier Deutschen beim Thema künstliche Intelligenz an den Terminator." Dieser Satz weckt zwei unterschiedliche Eindrücke in mir. 1. Uns beschleichen noch viel zu starke Existenzängste und enorme Zweifel an den Vorteilen dieser Technologie. 2. Drei von vier Deutschen sind total Nerds, denen man angesichts dieser großartigen und scheinbar niemals endenden Film-Serie eigentlich gar nicht so richtig böse sein kann. ;-)
Digitale Kommunikation | Social Media Coaching
4yDanke für die tolle Zusammenfassung. So schade, dass ich nicht dabei sein konnte. Sind denn die ü60 diejenigen, die am meisten Angst vor KI haben? Ist diese nicht auch bei der Altergruppe 30-40 stark verbreitet?
Narrativist with an ethical mindset. Trying to be helpful in Branding, Communications, Strategy with eyes on VR / AI
4yLiebe Cécile, so schön hätte das eine automatisierte Unterstützung nie zusammenbringen können. Vielen Dank 🙏🏻 Allein aufgrund der Quantitäten, mit denen wir dies und das diskutiert haben, wäre vermutlich eine ganz andere Verteilung an Mustern entstanden (z.B. einfache Sprache versus knackiger tweet). Auf die Achtung: Gänsehauterfahrung wäre ich bei der KI allerdings gespannt gewesen 🤖🦢🐔😉Danke #gerneMensch
Transforming People & Organizations
4y👏🏼 Die Erwartungshaltung an KI ist entscheidend über deren erfolgreichen Einsatz. 👉🏽 https://www.linkedin.com/pulse/how-ai-trusted-advisor-reshaping-hrm-take-aways-from-ivan-evdokimov