Deutsche Ingenieurskunst gegen amerikanische Digitalkultur?
Ein eher düsteres Bild der deutschen Automobilindustrie zeichnete neulich ein Artikel im Spiegel. Die deutsche Leitbranche habe die Softwarerevolution zunächst sträflich unterschätzt und anschließend viele Digitalisierungsprojekte verpatzt; der Rückstand gegenüber Wettbewerbern wie Tesla sei kaum noch aufzuholen, so der Tenor. Aber auch wenn der Text sicher viele Herausforderungen, vor denen die Automobilhersteller jetzt stehen, treffend skizziert, so stört mich doch die unbedingte Polarität, die darin mitschwingt: Hardware gegen Software, Traditionsbranche gegen Tech-Konzerne, (deutsche) Ingenieurskunst gegen (amerikanische) Digitalkultur. Der Wirtschaftsprofessor Stefan Bratzel spricht im Spiegel gar von einem „Kampf der Welten“. Ich glaube, eine solche Schwarz-Weiß-Sicht trifft die Wirklichkeit nur bedingt.
Tatsächlich entsteht gerade ein komplett neues Ökosystem von Akteuren, in dem sich die klassischen Marktteilnehmer positionieren müssen. Aber das gilt nicht allein für die Automobilhersteller. Im Zuge der digitalen Transformation wandeln sich überall Verbraucherverhalten und Vertriebswege, Wettbewerb und Wertschöpfungsketten. Das bedeutet nicht, dass alte Stärken plötzlich wertlos sind. Aber in einer Welt, die immer komplexer und vernetzter wird, braucht es eine Vielzahl von
Kompetenzen in immer neuen Konstellationen. In dieser Welt ist die entscheidende Fähigkeit nicht, alles allein am besten zu können, sondern die richtigen Partner zu finden und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
In diesem Sinne verstehen auch wir bei Microsoft unsere Aufgabe als „Plattformentwickler“: unseren Kunden und Partnern Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, mit denen sie selbst ihre digitalen Brücken zum Erfolg bauen können. Diese Werkzeuge nutzt beispielsweise VW beim Aufbau seiner Volkwagen Automotive Cloud, die in Europa, aber auch in China und den USA die elektromobilen Angebote des Konzerns versorgen wird. Diese Werkzeuge nutzen auch die vielen ganz unterschiedlichen Teilnehmer der „Open Manufacturing Platform“, die wir zusammen mit BMW ins Leben gerufen haben. Dabei liegt der eigentliche Mehrwert solcher Plattformen nicht in der Technologie, die dahintersteckt, sondern im Netzwerk, das um sie herum entsteht. Christoph Schlünken, Vorstandsmitglied des Chemieunternehmens Altana, brachte es kürzlich so auf den Punkt: Plattformökonomie „ist das Gegenteil von Abschottung, sie lebt von Offenheit und Austausch.“
Unter dem Hashtag #SoBetrachtet teile ich zum Wochenende an dieser Stelle regelmäßig Gedanken, Erlebnisse und Erkenntnisse. Sie sind - Ihr seid - herzlich eingeladen, mitzulesen und mitzudiskutieren
Technical Advocate at SVA GmbH and EU Tech Chamber (EUTECH)
3yExzellent auf den Punkt gebracht.