Corona offenbart unsere fehlende Digitalisierung und pauschale Angst vor Daten
Bisher war Digitalisierung wichtig, um wirtschaftlich nicht abgehängt zu werden. Jetzt könnte Sie Leben und Wirtschaft retten.
Die Bundesregierung hat für den gesamten Monat November einen “Lockdown Light” verordnet. Gastronomie-Betriebe, Freizeiteinrichtungen, Kinos, Hotels, Kultur und Sportstätten müssen schließen; die Wirtschaft wird erneut in vielen Teilen runtergefahren werden.
Die einzige gute Nachricht: Kitas und Schulen bleiben offen. Warum ausgerechnet Kirchen offen bleiben und im ÖPNV keine Abstände eingehalten werden müssen, erschließt sich für mich nicht.
Für viele kleinere Cafés und Restaurants könnte der zweite Lockdown endgültig das Ende bedeuten. Sie kritisieren die Maßnahmen, da ihnen keiner nachweisen kann, dass die Gastronomie zu den Infektionstreibern gehört. Auch aus der Unterhaltungsbranche werden immer mehr Künstler, Musiker und Eventveranstalter unter dem Hashtag #AlarmstufeRot laut. Die Stimmung ist eine andere als im Frühjahr. Und das hat einen ganz einfachen Grund:
Im März war es das Virus selbst, was zur Unsicherheit geführt hat. Wir wussten damals zu wenig darüber und konnten die Situation nur schwer einschätzen. Unsere Politik musste “auf Sicht fahren”, wie es Armin Laschet in einem Interview im März sehr treffend beschrieben hat. Niemand konnte wissen, wie sich das Virus verhält, wie und wo es sich verbreitet und wie hoch der prozentuale Anteil an schweren Krankheitsverläufen ist. Das Problem: 7 Monate später agieren wir immer noch auf Sicht: anscheinend haben wir nicht ausreichend Daten und Erfahrungen gesammelt und uns nicht konsequent vorbereitet. Nach meiner persönlichen Einschätzung führt dies nun zur Verunsicherung der Menschen.
Ich habe nach wie vor großen Respekt vor der Regierung. Wir haben hier eine so noch nie dagewesene Situation und es ist eine riesige Verantwortung, ein ganzes Land möglichst unversehrt durch eine globale Pandemie zu führen. Dennoch hätte ich mir in den letzten Monaten mehr strategische, langfristige und datengetriebene Entscheidungen gewünscht. Die erste Welle war ein Weckruf - doch in Sachen Digitalisierung und Ausstattung unserer öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser wurde sich sofort wieder schlafen gelegt.
Ich wünsche mir einen Fakten- und Datengetriebenen Umgang mit der Situation und eine Offenlegung der Strategie. Welche Kennzahlen sind entscheidend? Wurden doch mehr Menschen in Restaurants infiziert, als öffentlich bekannt ist? Wie genau wird die Auslastung der Intensivbetten berechnet? Das DIVI-Intensivregister gibt zwar Einblicke, aber die Website ist nicht wirklich benutzerfreundlich und es gibt keinerlei Hochrechnungen. Das machen wir beim Wetter besser.
Covid ist eine große Herausforderung, es gibt sehr verschiedene Meinungen und Einschätzungen von Experten. Warum gibt es kein offizielles Dashboard der Bundesregierung mit den wichtigen Kennzahlen? Eine einfache Erklärung zu AHA+L+A und eine Erläuterung, warum es wirklich hilft? Mithilfe von modernen Web-Technologien ließe sich eine benutzerfreundliche und für Smartphones optimierte Infoseite erstellen. Jeder Regierungs-Politiker könnte diese Seite dann immer wieder als zentrale Info auf Social Media teilen. Die Seite des RKI entspricht Internet und Design-Standards der 90er Jahre.
Der Fokus muss Aufklärung sein. Wir sollten Mut machen, keine Angst verbreiten.
Daten würden Menschenleben retten und mehr Normalität ermöglichen
Unsere Gesundheitsämter kommen nicht hinterher, Mitarbeiter sind ausgebrannt. Lebenswichtige Informationen fließen nicht oder gehen im Papier-Chaos verloren. Nach unzähligen Gesprächen mit Mitarbeitern, Dienstleistern und Politikern endet es immer bei der DSGVO. Wir würden ja gerne digitalisieren, aber die DSGVO erlaubt es uns nicht. Deswegen füllen wir weiterhin Zettel aus, rufen beim Gesundheitsamt an, versenden zeitkritische Information als Brief. Auch die Corona-App könnte deutlich besser warnen, wenn sie mehr Daten verwenden dürfte. Fahren wir lieber unser Land runter, zerstören Kultur, Bildung und Gastronomie-Betriebe, als endlich mal den Nutzen von Daten zu erkennen? Ich will keinen Überwachungsstaat, aber zwischen Zettelwirtschaft und totaler Überwachung gibt es einen sehr effektiven Mittelweg. Hierüber würde ich gerne diskutieren!
Auch die WHO warnt vor den Folgen von Lockdowns. Menschen werden frustriert und sind nicht ausgelastet, was im schlimmsten Fall Gewalt zur Folge hat. Es gibt mehr kranke und depressive Menschen, was sich unter anderem auch auf die Schließung von Sportstätten zurückführen lässt.
Ich stimme hier mit Christian Lindner überein: Diese Diskussion gehört in unseren Bundestag, alternative Ansätze müssen einbezogen werden:
Ich hoffe, dies bleibt der letzte Lockdown und Deutschland nutzt die Möglichkeiten der Digitalisierung, um von “Angst” auf Mut umzuschalten.
Konsequente digitale Kontaktnachverfolgung würde uns hunderte Milliarden sparen
Es sind nicht die Kapazitäten der Krankenhausbetten, um die wir uns sorgen sollten. Unsere Gesundheitsämter geraten bei der Nachverfolgung der Infektionsketten an ihre Grenzen. Dabei ist schon lange klar, dass die Eingrenzung von Infektionsketten unsere größte Chance ist, die Verbreitung einzudämmen, ohne dabei unsere Wirtschaft langfristig zu schädigen. Wieso hat es hier keinen konsequenten Umstieg auf digitale Lösungen gegeben? Spätestens seit dem Vorfall im August in Bayern, wo 900 positiv Infizierte nicht über ihr Testergebnis informiert werden konnten, da die Kontaktdaten handschriftlich aufgenommen worden und nicht mehr zu lesen waren, hätte etwas passieren müssen.
Aktuell verläuft die Nachverfolgung händisch von unzähligen Mitarbeitern in Gesundheitsämtern und gestaltet sich aufgrund ungenauer Angaben oft sehr schwierig. Sämtliche Kapazitäten werden darauf verwendet, möglichen Kontaktpersonen hinterherzutelefonieren, nicht leserliche Zettel zu entziffern und sich durch unzählige Karteikarten zu forsten. All dies könnte deutlich effizienter und genauer mithilfe von Technologie abgebildet werden. In meinen Augen sollte es schon längst eine digitale Check-In-Pflicht in Restaurants, Cafes und Supermärkten geben. Über eine anonymisierte ID-Nummer, für die die entsprechenden Kontaktdaten hinterlegt sind, wäre dies auch für Menschen ohne Smartphone über Tablets oder Scanner möglich. Alles ist besser, sicherer und aus Datenschutzsicht sinnvoller als die aktuelle Zettelwirtschaft. Wann habt ihr das letzte Mal manuell eine Tabelle durchforstet, anstatt die Suchen-Funktion zu nutzen? Wieso müssen unsere Gesundheitsämter dies nun tun, wenn es um die Bekämpfung einer globalen Pandemie geht?
Wie so oft, wenn es in Deutschland um Digitalisierung und Investitionen in die Zukunft geht, wird an der falschen Stelle gespart, während ein paar Meter weiter unfassbare Ressourcen für kurzfristige Zwischenlösungen verbrannt werden. Die Einschränkungen werden unsere Volkswirtschaft in Summe mehrere Hundert Milliarden Euro kosten. Unsere Gesundheitsämter sind am Limit. Und das alles, weil wir nicht bereit sind, jetzt konsequent zu handeln und eine einfache Datenbank aufzubauen, die die Nachverfolgung abbilden kann. Dabei wäre eine solche, vollumfängliche, digitale Lösung in meinen Augen der Weg zurück zu einem halbwegs normalen Leben. Statt “auf Sicht” zu fahren und dabei mutmaßlich übervorsichtige Entscheidungen zu treffen, könnte die Politik ihre Entscheidungen auf Zahlen und Fakten basieren. Statt ganze Branchen sterben zu lassen und unseren Kindern einen Schuldenberg zu hinterlassen, könnten wir gezielt an den Orten ansetzen, die tatsächlich die Infektionszahlen in die Höhe treiben. Die Quarantäne-Zeit sollte nicht als “Vorsichtsmaßnahme” um mehrere Tage nach der Infektionsphase erweitert werden und negativ getestete sollten nicht präventiv in Quarantäne geschickt werden. Wir sollten gezielt nur die Menschen isolieren, die tatsächlich ein Risiko darstellen und in Schnell-Tests investieren.
Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, das Covid uns noch länger begleiten wird. Kurzfristige, radikale Einschränkungen alleine werden uns nicht durch diese Pandemie bringen, da wir unsere Wirtschaft nicht länger strapazieren und beliebig oft runter und wieder hochfahren können. Statt alle paar Monate den Panik-Knopf zu drücken, sollten wir uns jetzt eine langfristige und ausgewogene Strategie überlegen, wie wir die Infektionszahlen mit möglichst wenigen und dafür den richtigen Einschränkungen und Verordnungen niedrig halten. Hierfür braucht es Studien, Zahlen und Fakten, die wir in dem Ausmaß nur mithilfe einer konsequenten und vollumfänglichen, digitalen Vorgehensweise bekommen können.